Bei der Gestaltung eines Partizipationsprozesses kommt häufig die Frage auf, wie sich Offline- und Online-Partizipation verbinden lässt. Im Interview mit Roman Dellsperger verrät der Spezialist für Beteiligungsverfahren Praxistipps für einen erfolgreichen Einbezug.

Seit 20 Jahren konzipierst, begleitest und moderierst du Beteiligungsvorhaben für öffentliche und private Organisationen. Warum ist aus deiner Sicht ein Einbezug von Anspruchsgruppen in ein Vorhaben so wichtig?

Der frühzeitige Einbezug hilft, wichtige Anliegen und Interessen der Betroffenen zeitnah zu erkennen. Bei jedem Vorhaben sind verschiedene Anspruchsgruppen involviert und alle sehen unterschiedliche Chancen und Risiken. Diese Anliegen und Interessen sollten bei der Planung des Vorhabens transparent sein und auch berücksichtigt werden. Ansonsten passiert es, dass an den Betroffenen «vorbei» geplant wird. Eine gelungene Beteiligung kann im besten Fall verhindern, dass hohe Planungskosten einem Projekt gegenüberstehen, das von den Betroffenen nicht akzeptiert wird.

Die Gestaltung von Partizipationsprozessen stellt für viele Organisationen eine Herausforderung dar. Was sind aus deiner Sicht häufige Fehler, die bei der Gestaltung eines Partizipationsprozesses begangen werden? Und welche Tipps hast du?

Häufig wird zu Beginn nicht genau definiert, welche Handlungsspielräume vorhanden sind oder welche Absichten mit einer Partizipation verfolgt werden. Freiwillige Beteiligung ist kein Selbstzweck, sie muss das Ergebnis verbessern – sonst (er)spart man sie sich lieber. Bei der Planung des Beteiligungsprozesses ist zu definieren, welche Zielgruppen zu welchem Zeitpunkt in ein Vorhaben involviert werden und zu welchen Themen sie in welcher Form auch mitwirken können. Ansonsten kann es passieren, dass die einbezogenen Personen falsche Erwartungen an das Vorhaben haben und anschliessend enttäuscht oder sogar verärgert sind. Bei der Auswahl der Kanäle ist es zudem wichtig zu klären, welche Zielgruppen über welche Kanäle erreicht werden können. So ist es z.B. schwierig, eine jüngere und berufstätige Zielgruppe für einen langen Offline-Workshop am Abend zu gewinnen.

Freiwillige Beteiligung ist kein Selbstzweck, sie muss das Ergebnis verbessern – sonst (er)spart man sie sich lieber.

Roman Dellsperger
Spezialist für Beteiligungsverfahren

Seit einigen Jahren ist ein Anstieg von digitalen Partizipationskanälen (E-Partizipation) festzustellen. Wo siehst du die Vorteile eines digitalen Beteiligungsprozesses?
Die E-Partizipation erlaubt es, zeit- und ortsunabhängig mitzuwirken. Da immer mehr Personen digitale Kanäle nutzen, kann auch eine grössere Zielgruppe erreicht werden. Die unterschiedlichen Anspruchsgruppen können so besser in ein Vorhaben integriert werden. Auch können die erhaltenen Rückmeldungen effizient und strukturiert ausgewertet werden. Mit passenden Gesamtlösungen wie z.B. der E-Mitwirkung, kann es zudem gelingen, in längeren Vorhaben mit einer Anspruchsgruppen ständig in Kontakt zu bleiben. Eine Kombination von offline und online Formaten scheint mir aber trotzdem zwingend zu sein, da die digitalen Partizipationskanäle eher weniger geeignet sind, wenn es um Argumentationsmöglichkeiten oder auch um das aushandeln von Lösungen geht.

Besteht bei der digitalen Beteiligung nicht die Gefahr, dass im Vergleich zu traditionellen Beteiligungsverfahren eine viel höhere Anzahl Rückmeldungen eintreffen und der Auswertungsaufwand enorm steigt?

Durch den breiteren Einbezug gibt es erfahrungsgemäss mehr einzelne Rückmeldungen. Dies kann auch zu neuen Erkenntnissen führen. Gerade mit einer digitalen Lösung (im Unterschied zu Briefen, E-Mails etc.) können die Rückmeldungen aber effizienter ausgewertet werden. So bietet z.B. die E-Mitwirkung die Möglichkeit, ähnliche Rückmeldungen automatisiert zu erkennen und zu gruppieren oder Rückmeldungen kollaborativ im Team auszuwerten.

Die E-Partizipation erlaubt es, zeit- und ortsunabhängig mitzuwirken. Da immer mehr Personen digitale Kanäle nutzen, kann auch eine grössere Zielgruppe erreicht werden. Die Auswertung der Rückmeldungen kann zudem wesentlich effizienter erfolgen.

Roman Dellsperger
Spezialist für Beteiligungsverfahren

Trotz der digitalen Partizipation wird nach wie vor auf Offline-Partizipationsformate wie z.B. Workshops oder World-Cafés gesetzt. Warum soll nicht alles digital sein?
Das Führen von qualitativen Diskussionen und einem aktiven Dialog ist digital wesentlich anspruchsvoller als bei einem physischen Austausch. Bei kreativen Prozessen, vertieften Klärungen von Argumenten oder sogar Konflikten sind moderierte Offline- Formate besser geeignet. Interessant sind Kombinationen von verschiedenen Formaten, wenn sie passend eingesetzt werden. So ermöglichen beispielsweise analoge Komponenten eine gute Aktivierung für eine darauffolgende Online-Partizipation.

Kannst du konkrete Tipps geben, wie die digitale und analoge Partizipation optimal kombiniert werden kann?

Gute Erfahrungen haben wir gemacht, wenn die Aktivierung offline stattfindet und darauffolgend eine selbstständige Vertiefung online über E-Partizipation durchgeführt wird. In der selbstständigen Vertiefung können die Anspruchsgruppen sich dann in Ruhe mit dem Thema befassen, eine Meinung bilden und diese auf der digitalen Plattform erfassen. Gerade bei komplexen Verfahren ist das ein grosser Vorteil. Die Resultate können anschliessend in einem «Reflexionsgremium», zusammengesetzt aus verschiedenen Vertreter/innen der Anspruchsgruppen, oder in «Workshops» weiter besprochen werden.

Partizipation in 10 Jahren: Was ist deine Prognose?
Es ist feststellbar, dass die Bereitschaft bei den Anspruchsgruppen, mitzuwirken, gestiegen ist. Gerade bei Fragen der Innenentwicklung, den Themen «Wachstum» oder «Klima» will sich die Bevölkerung aktiv in die Gemeinde- und Stadtentwicklung einbringen. Digitale Kanäle unterstützen diese Mitwirkung dahingehend, als sie einen vereinfachten Zugang zu Informationen gewährleisten. Umso wichtiger ist es, differenzierte Beteiligungsprozesse zu konzipieren. Neben tieferen Kosten oder der einfacheren Zugänglichkeit der digitalen Instrumente, geht es auch um faire und effektive Prozesse mit Einflussmöglichkeiten. Das beinhaltet auch die Möglichkeit sich im Dialog mit anderen Argumenten und anderen Perspektiven persönlich auseinanderzusetzen. Die Kombination von On- und Offline wird meiner Meinung nach in Zukunft der richtige Ansatz sein, da alle Kanäle ihre eigenen Vorteile haben.

Vielen Dank für das Interview.